Value Kolumne von Hans Peter Schupp
15. Mai 2026
Gelassen bleiben und Chancen nutzen
Von Hans Peter Schupp, Vorstand der Fidecum AG und Berater des Contrarian Value Euroland Fonds (ISIN: LU0370217092), erklärt, wie er das Portfolio durch die Wirren des Iran-Krieges steuert
„In the short run, the market is a voting machine but in the long run, it is a weighing machine.” — Benjamin Graham
Benjamin Graham war überzeugt, dass Aktienkurse kurzfristig durch die Stimmungen und Meinungen der Anleger beeinflusst werden – wie bei einer Wahl. Langfristig aber bestimmen der tatsächliche Wert und die Ertragskraft eines Unternehmens, also das Gewicht, das die Firma auf die Waage bringt, die Kursentwicklung.
Besonders deutlich zeigt sich der Einfluss kurzfristiger Stimmungen in Zeiten geopolitischer Aufreger, wie dem Iran-Krieg. Einzelne Äußerungen von Politikern reichen aus, um Kurse massiv zu bewegen – nicht, weil sich an den Perspektiven der Unternehmen etwas geändert hätte, sondern weil der Markt nervös ist.
Doch gerade in solchen Phasen ist für Investoren weniger Aktivität oft mehr. Nicht jede politische Äußerung verdient eine sofortige Anlageentscheidung. Wer jede Aufregung in Kauf oder Verkauf übersetzt, läuft der Bewegung meist hinterher. Das endet in der Regel frustrierend. Geduld ist der bessere Ratgeber.
Ich habe natürlich – wie alle anderen auch – nicht die leiseste Ahnung, wie sich dieser Konflikt kurzfristig, also in den nächsten drei bis sechs Monaten, entwickeln wird. Ich bin aber überzeugt, dass wir irgendwann zu einer Art Normalität zurückkehren werden. Donald Trumps Eskalation gegenüber Iran war der Versuch, innenpolitische Schwäche außenpolitisch zu kompensieren. Wenn sich der Alltag der Menschen nicht verbessert, setzt früher oder später eine Korrektur ein.
Außerdem sind das nicht die 1970er Jahre. Die Weltwirtschaft ist heute sehr viel weniger vom Öl abhängig als damals. Der Anteil der Rohölförderung an der weltweiten Wirtschaftsleistung liegt mit etwa 2 Prozent bei knapp einem Viertel dessen, was er während der iranischen Revolution 1979 betrug. Die Apokalypse bleibt aus.
Der wichtigste Punkt, den Investoren in Bezug auf die Iran-Frage bedenken sollten, ist deshalb unabhängig davon, wann und wie der Konflikt endet. Entscheidend ist: Angenommen, all dies endet auf die eine oder andere Weise in absehbarer Zeit – glauben wir dann wirklich, dass unsere Portfolios anders aussehen sollten als jetzt? Wenn ja, warum? Wenn nicht, warum sollten wir uns überhaupt mit den Einzelheiten der Entwicklung des Iran-Konflikts beschäftigen? Es erscheint mir töricht, gerade jetzt eine Anlagestrategie zu verfolgen, die sich grundlegend von der unterscheidet, die vor Beginn der Iran-Operation verfolgt wurde.
Natürlich haben wir zu Beginn des Iran-Konflikts die Titel unseres Portfolios unter die Lupe genommen und geprüft, ob sich strukturell etwas für diese Firmen verändert hat. Die Antwort lautete in allen Fällen: „Nein“. Deshalb haben wir an der grundlegenden Ausrichtung des Portfolios und an der aktiven Selektion der Werte überhaupt nichts geändert.
Trotzdem waren wir in den letzten Wochen so aktiv wie nie. Normalerweise liegt unser Portfolioumschlag bei 25 Prozent im Jahr. Allein im März waren es bereits zehn Prozent. Der Grund dafür liegt in den enormen Kursschwankungen. Sie veränderten die Gewichte einzelner Werte im Portfolio erheblich. In solchen Fällen setzen wir das Gewicht regelmäßig auf das Ausgangsniveau zurück und nutzen so die antizyklischen Chancen, die ein volatiler, politisch getriebener Markt bietet.
Ein Beispiel ist die Entwicklung unseres Portfoliowertes Lanxess (ISIN: DE0005470405). An unserer grundsätzlichen Einschätzung hat sich seit Beginn des Iran-Konflikts nichts geändert. Sie können diese in der Kolumne vom 4.10.2025 nachlesen: https://fidecum.com/kolumne-58-chemie-im-zyklustief-chancen-fuer-anleger/ Doch der Aktienkurs schwankte zwischen 12 und 22 Euro. Kurse um 12 Euro waren aus unserer Sicht eine große Chance. Durch Anpassungen der Gewichtung verdoppelten wir nahezu die Anzahl der im Depot gehaltenen LANXESS-Aktien. Später, nach der Kurserholung, haben wir die Position wieder fast halbiert, um den prozentualen Portfolioanteil auf das gewünschte Maß zu senken. Ähnlich verfuhren wir nach starken Kursanstiegen, etwa bei ENI (ISIN: IT0003132476), oder nach Kursrückgängen, etwa bei Volkswagen (ISIN: DE0007664039).
Politische Unsicherheit ist unangenehm, für geduldige Anleger aber nicht zwingend ein Nachteil. Wir vertrauen darauf, dass der tatsächliche Wert und die Ertragskraft eines Unternehmens, also das Gewicht, das die Firma auf die Waage bringt, langfristig den Börsenwert steigern werden. Während wir darauf warten, erwirtschaften wir Zusatzerträge durch Anpassungen dort, wo starke Kursbewegungen die Gewichte im Portfolio deutlich verschoben haben.
Unser Investment-Ansatz
Seit 30 Jahren folgt der Contrarian Value Euroland Fonds dem Grundsatz, in unterbewertete europäische Unternehmen mit solidem Geschäftsmodell und langfristigem Potenzial zu investieren. Wir betrachten Beteiligungen dabei nicht als bloße Positionen auf dem Kurszettel, sondern so, als würden wir ein Unternehmen insgesamt erwerben. Daraus ergibt sich zwangsläufig eine Haltung, die sich von kurzfristigen Marktbewegungen weniger beeindrucken lässt als von der Frage, ob Geschäft, Bewertung und Perspektive zueinander passen.
Der Autor: Hans Peter Schupp ist Vorstand der Fidecum AG und Berater des Contrarian Value Euroland Fonds.