Value Kolumne von Hans Peter Schupp
8. Juli 2026
Havas: Wo ist der Haken?
Hans Peter Schupp, Fidecum AG, Berater des Contrarian Value Euroland Fonds (ISIN: LU0370217092) erläutert, worauf er bei einem Investment in günstig bewertete Aktien achtet.
Wenn wir günstig bewertete Aktien finden, fragen wir uns zunächst: Wo ist der Haken? Manche Aktien sind schließlich billig, weil das Geschäft strukturell unter Druck steht. Bei anderen dagegen ordnet der Kapitalmarkt das Geschäftsmodell nicht richtig ein. Oder das Unternehmen ist aus irgendwelchen Gründen vom Radar vieler Investoren verschwunden.
Ungewöhnlich niedrige Bewertungen wecken unser Interesse
Eine der Firmen, die uns in diesem Zusammenhang auffiel, ist die global tätige, französische Werbe-, Media- und Kommunikationsgruppe Havas N.V. (ISIN: NL0015002K83). Havas wurde 1835 in Paris als eine der ersten modernen Nachrichtenagenturen der Welt gegründet. Aus der Agence Havas ging nach dem Zweiten Weltkrieg die heutige Agence France-Presse (AFP) hervor. Seit 2017 gehörte Havas dann zum Konzern Vivendi SE (ISIN: FR0000127771). Ende 2024 wurde Havas im Zuge der Aufspaltung von Vivendi wieder eigenständig an die Börse gebracht – und notiert heute in Amsterdam.
Mit einem Unternehmenswert in Relation zum operativen Ergebnis (EBIT) von nur rund 3,5 ist Havas auffallend niedrig bewertet. Schließlich liegt diese Kennzahl aktuell mehr als 40% Prozent unter dem Branchendurchschnitt. Die entscheidende Frage lautet daher: Liegt hier ein operatives Problem vor oder gibt es einen anderen Grund für diese Bewertung?
Der Branchenvergleich
Der globale Werbemarkt wird von wenigen großen Gesellschaften geprägt. An der Spitze stehen Omnicom Group Inc. (ISIN: US6819191064) und Publicis Groupe SA (ISIN: FR0000130577). Dahinter folgen WPP plc (ISIN: JE00B8KF9B49) und Dentsu Group Inc. (ISIN: JP3551520004). Havas ist mit Abstand der kleinste der fünf großen Anbieter.
Klein zu sein ist in dieser Branche aber nicht automatisch ein Nachteil. Der Fall WPP zeigt vielmehr, dass Größe auch zur Belastung werden kann. Das Unternehmen hat über Jahre zugekauft, ohne die Strukturen ausreichend zu integrieren. Aus Größe wurde Komplexität, aus Vielfalt wurde interner Wettbewerb. Publicis nutzte diese Schwäche, gewann Kunden hinzu; WPP dagegen verlor Umsatz, Marge und Marktvertrauen.
Havas ist von solchen Problemen nicht betroffen. Das Unternehmen ist übersichtlicher als die Konkurrenz und wächst trotz eines schwierigen Werbemarktes weiter organisch. Im Jahr 2025 und im ersten Quartal 2026 wurden die gesetzten operativen Ziele erreicht, inklusive einer verbesserten Marge. Gravierende strukturelle Probleme können wir nicht erkennen.
Künstliche Intelligenz – Risiko oder Chance?
Wird Havas vielleicht also grundsätzlich falsch eingeschätzt? Ein wichtiger Punkt ist in diesem Zusammenhang der Einfluss künstlicher Intelligenz. Aktuell besteht eine allgemeine Skepsis in Investorenkreisen gegenüber Werbeagenturen. Denn KI verändert die Branche: Content-Produktion, Mediaoptimierung, Übersetzung, Reporting und Kampagnenanpassungen lassen sich zunehmend automatisieren.
Für Havas wird künstliche Intelligenz vor allem dort zum Risiko, wo Arbeit wiederholbar ist: bei Textvarianten, Bildanpassungen, Mediaoptimierung, Übersetzungen und Reporting. Weniger betroffen ist der Teil des Geschäfts, in dem es um Markenverständnis, Kundenbeziehung und die richtige Kommunikationsidee geht. Dort zählt weiterhin der Faktor Beratung. Künstliche Intelligenz kann Havas deshalb auch helfen: Sie macht die Umsetzung schneller und günstiger, ohne den strategischen Kern vollständig zu ersetzen. Daraus resultiert ein Produktivitätshebel.
Entscheidend wird sein, ob Havas künstliche Intelligenz künftig nutzen kann, um Strategien effizienter in Umsetzung zu übersetzen. Bislang scheint das zu funktionieren. Die Margenentwicklung ist positiv, ein negativer Einfluss auf den Umsatz nicht zu erkennen. Das ist ermutigend.
Wurde Havas einfach nur vergessen?
Vielleicht haben Investoren die Havas-Aktie auch einfach nur aus dem Blick verloren. Vor der Aufspaltung von Vivendi im Jahr 2024 hatten viele Anteilseigner auf einen höheren Wert der Einzelteile (Vivendi Holding, Havas, Canal+ Group und den Verlag Louis Hachette) gesetzt und diese dann nach der Aufspaltung verkauft. Aus dem Depot, aus dem Sinn? Interessant für uns: Der Großaktionär von Vivendi, Vincent Bolloré, handelte anders. Er erhöhte seinen Einfluss auf Havas von gut 30 Prozent auf mittlerweile mehr als 50 Prozent – ein aus unserer Sicht ermutigender Schritt.
Fazit
Havas ist sicherlich kein risikofreies Investment. Das Unternehmen ist im Vergleich zu den Branchenführern klein, die Aktienhistorie ist kurz, die Firma wird durch den Mehrheitseigner, Vincent Bolloré, kontrolliert. und künstliche Intelligenz wird Teile des Geschäfts verändern.
Den großen Haken haben wir aber nicht gefunden. Die niedrige Bewertung von Havas resultiert unserer Meinung nach nicht aus akuten operativen Risiken, sondern ist Ergebnis mangelnden Verständnisses für das Geschäftsmodells und geringer Sichtbarkeit. Genau darin liegt die Chance. Sollte Havas über mehrere Jahre hinweg seine Ziele erfüllen, dürfte sich dies Bewertungslücke schließen. Deshalb sind wir dort investiert.
Unser Investment-Ansatz
Seit 30 Jahren investiert der Contrarian Value Euroland Fonds in unterbewertete europäische Unternehmen mit solidem Geschäftsmodell und Potenzial. Beteiligungen sind für uns keine Zeilen auf einem Kurszettel, sondern Unternehmen.
Der Autor: Hans Peter Schupp ist Vorstand der Fidecum AG