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Value Kolumne von Hans Peter Schupp

22. JANUAR 2024

„Et hätt noch immer jot jejange!“

„Für Europa erwarten wir im Jahr 2024 mehrere Quartale mit negativem oder zumindest stagnierendem Wachstum. Wie lange diese Phase anhält, hängt von mehreren Faktoren ab, aber das wahrscheinlichste Szenario ist, dass die Eurozone in eine leichte bis mittelschwere Rezession eintritt, bevor gegen Ende 2024 wieder ein Wachstum zu erwarten ist.“ Das sind die Erwartungen des US-amerikanischen Asset Managers T. Rowe Price. Wir sehen das anders. Wir sind optimistischer, denn einige Faktoren und Indikatoren sprechen eine andere Sprache.

„Hot-rolled coils“ ziehen an

Ein Beispiel: Wenn Sie auf einer Autobahn fahren, sehen Sie ab und zu LKW mit riesigen Stahlbandrollen als Fracht. Diese werden in der Fachsprache „hot-rolled coils“ genannt. Und man glaubt es nicht, auch diese werden als „warmgewalzte Stahlspulen“ an der Börse gehandelt. Und zwar als Future-Kontrakt auf den „NYMEX US. Midwest Domestic Hot-Rolled Coil Steel Index” (CRU Index).
Nun, was will uns der Dichter damit sagen? Alle Welt redet davon, wie schlecht es der Konjunktur geht. Aber: Der Preis für hot-rolled coils ist seit Oktober letzten Jahres wieder um mehr als 50 Prozent gestiegen. Und Stahl ist ein Frühindikator für den Zustand der Wirtschaft. Denn Stahl geht in unheimlich viele Produkte ein, vom Auto über Waschmaschinen bis zum Computer. Und der Bedarf nach diesem Stahl zieht an.

Arbeitslosigkeit hat sich in den letzten 10 Jahren fast halbiert

Ein anderes Beispiel: Die Angst vor steigender Arbeitslosigkeit im Zuge von Umstrukturierungen und Firmenpleiten. Wenn wir uns aber die harten Fakten anschauen, dann ergibt sich ein anderes Bild. Die allgemeine Arbeitslosigkeitsrate in Euroland hat sich von 12,2 auf 6,5 Prozent in den letzten 10 Jahren fast halbiert. Und bei der Jugendarbeitslosigkeit hat sich die Zahl von 25,5 auf 14,9 auch erheblich verbessert. Nicht schlecht für „Old Europe“, wie US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld die EU einmal verächtlich nannte. Und nicht so schlecht für eine dahinsiechende Konjunktur, oder?

Inflation steigt wieder – Firmengewinne sprudeln

Bleibt das große Thema Inflation. In Deutschland ist sie wieder auf 3,9 Prozent gestiegen. In der Eurozone wurde zuletzt eine Inflationsrate von 2,9 Prozent ausgewiesen. Auch wieder etwas steigend. Im Oktober 2022, als sie noch bei 10,6 Prozent lag, war die Situation allerdings noch sehr viel dramatischer. Das bedeutet aber auch: Die Preise steigen weiter. Und das seit einiger Zeit, wenn man die 10,6 Prozent mit einbezieht. Von einer Basis aus dem Oktober 2020 von minus 0,5 Prozent bis heute ist das ein Anstieg von 105 Basispunkten, vom Ende 2020 bis zum Peak auf 125 Basispunkte im Oktober 2023. Das ist ein Anstieg um 20 Punkte oder fast 20 Prozent. Das ist viel für die Verbraucher.

Aber auch für die Unternehmen? Eher nicht, denn hier konnten die europäischen Firmen ihre Gewinne im gleichen Zeitraum um fast 80 Prozent steigen. Trotz gestiegener Energiekosten, höherer Löhne und hohen Wettbewerbs. Preissetzungsmacht ist halt alles.

Kein Grund zu jammern – Flexibilität der Unternehmen bleibt hoch

Bleibt als Fazit: Wir wissen um die schwierige Situation mit restriktiver Geldpolitik, geopolitischen Spannungen, einer nachlassenden Nachfrage aus China und all die anderen Probleme. Man darf aber die Flexibilität der Unternehmen nicht unterschätzen, die wieder einmal gezeigt haben – und weiter zeigen – wie stressresistent sie sein können. Das gilt auch für die Unternehmen in unserem Contrarian Value Euroland Fonds. Es gibt also keinen Grund, den Kopf in den Sand zu stecken, trotz aller Horrormeldungen, die man immer wieder liest. Da halten wir uns lieber an den 3. Artikel des „Kölschen Grundgesetzes“: Et hätt noch immer jot jejange!

Der Autor: Hans Peter Schupp ist Vorstand der FIDECUM AG und Portfoliomanager des Contrarian Value Euroland Fonds